Kommissionierung mit Datenbrille

Pilotierung: Digital in NRW und GEBHARDT nehmen Smartglasses unter die Lupe

Zügig rollt die rote Box an den Ware-zur-Person-Arbeitsplatz (WzP). Der Mitarbeiter greift hinein, nimmt die verpackten Türdämpfer, legt sie in die nächste Box, bestätigt die Menge und schließt den Arbeitsschritt ab. Was, wann zu tun ist und welche Produkte für welchen Auftrag in welcher Menge zusammengestellt werden müssen, hat er dabei immer direkt vor Augen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn für ein gemeinsames Pilotierungsprojekt haben Digital in NRW und die GEBHARDT Fördertechnik GmbH den Einsatz von Smartglasses in der Kommissionierung getestet.

Offen für neue Technologien

Neuen Technologien steht die GEBHARDT Fördertechnik GmbH mit Sitz in Sinsheim offen gegenüber. Das 1952 gegründete Maschinenbau-Unternehmen hat eine jahrzehntelange Erfahrung bei der Entwicklung und Herstellung von Systemlösungen für innerbetriebliche Logistik und setzt auf Innovationen. Für Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten ist bereits eine Augmented-Reality-Brille im Einsatz. Und das erfolgreich. Welchen Mehrwert die so genannten Smartglasses in der Kommissionierung bieten können, stand im Mittelpunkt der dreimonatigen Pilotierung mit Digital in NRW.

Prozessoptimierung durch Datenbrille

„Ziel der Implementierung einer Augmented Reality (AR)-Brille am WzP-Arbeitsplatz war die Optimierung des Pickprozesses und die benutzerfreundliche Unterstützung der Beschäftigten“, erklärt Dr. Veronika Kretschmer, Senior Scientist am Fraunhofer IML. Zudem sollte eine Handlungsanweisung für den ergonomischen Einsatz einer Datenbrille erarbeitet werden. Um diese Ziele zu erreichen, ging das Projektteam in vier Arbeitsschritten vor – von der technischen Anforderungsanalyse entlang des Pickprozesses und die Erstellung einer Ergonomie-Checkliste für die Gestaltung der Mensch-Technik-Interaktion sowie Informationsdarstellung über die Implementierung bis hin zur Durchführung einer Evaluationsstudie zur kognitiven Ergonomie unter den GEBHARDT-Mitarbeitenden.

Anwendbarkeit und Akzeptanz

„Wir haben Leitfragen für eine Anforderungsanalyse für den Einsatz von Smartglasses entwickelt, mit diesen aus einzelnen Prozessschritten der Kommissionierung Anforderungen der Dialogführung der AR-Software abgeleitet sowie spezielle User-Interface-Elemente gestaltet“, erklärt Veronika Kretschmer. Dabei stand die Optimierung der Prozesse ebenso im Fokus wie die Anwendbarkeit und Akzeptanz der AR-Brille unter den Mitarbeitenden. „Wir wollten die Vor- und Nachteile der Technologie herausarbeiten und prüfen, ob die Anwendung einer AR-Brille eine echte Alternative zum PC-basierten Arbeitsplatz in der Kommissionierung ist“, so Veronika Kretschmer.

Intuitive Anwendung

Antworten darauf gibt die Evaluationsstudie, bei der die AR-Brille mittels Fragebögen und Interviews auch hinsichtlich physikalischer und kognitiver Ergonomie bewertet wurde. „Die User Experience war insgesamt sehr positiv“, so Veronika Kretschmer. „Die Dialogführung zwischen Mensch und Technik ist intuitiv und auch die Bewegungsfreiheit, die sich durch die Arbeit mit Smartglasses ergibt, war ein Pluspunkt.“ Doch im Rahmen der rund einstündigen Kommissionierdauer mit der AR-Brille wurde insbesondere ein Nachteil spürbar: die Hardware. Die Hololens 1 – so der Name der verwendeten AR-Brille – ist schwer, die natürliche Kopfbewegung wird beeinträchtigt. Auch das Sichtfeld ist eingeschränkt

Neue Generation mit Potenzial

„Hohes Gewicht“, „Druckgefühl“ oder „Nackenbelastung“ waren darum auch Rückmeldungen aus den Interviews mit der Belegschaft. Dennoch konnten sich drei Viertel der Probanden vorstellen, zukünftig einen Teil der Arbeitszeit mit einer AR-Brille zu kommissionieren. Auch wenn aktuell die Nutzungshäufigkeit eines PC-Terminals höher eingeschätzt wird – Veronika Kretschmer sieht zukünftige Potenziale von Smartglasses für die Logistik. „Aktuell testen wir am IML die zweite Generation der Hololens, je nach Tätigkeitsfeld können Smartglasses als alternatives digitales Arbeitsmittel eingesetzt werden“, so die Dipl.-Psychologin.“