Digitalisierung der Möbelmontage

Digitale Unterstützung ermöglicht reibungslosen Versandprozess

Möbelwerke Decker geht mit Transferprojekt weitere Schritte Richtung Industrie 4.0
„Wir machen die Antiquitäten von morgen“, erklärt Geschäftsführer Andreas Decker beim Rundgang durch die Fertigung der Möbelwerke A. Decker GmbH. Es riecht nach Holz, auf Förderbändern laufen Schränke, Sideboards und Vitrinen langsam im Kreis durch die Qualitätskontrolle, etwas weiter werden sie verpackt und für den Transport fertiggemacht. Auf 60.000 Quadratmetern Produktionsfläche stellt das Traditionsunternehmen aus Borgenteich seit drei Jahrzehnten hochwertige Massivholzmöbel her. Gemeinsam mit Digital in NRW hat der Möbelhersteller jetzt seinen Versandprozess im Rahmen eines Transferprojekts erfolgreich digitalisiert.

Mehr als 23.000 Verkaufsartikel hat Decker im Angebot, die aus rund 40.000 Normteilen Tag für Tag produziert werden. Dabei sind die Möbel für Wohn-, Speise- und Schlafzimmer sowie Küche keine Massenproduktion. Ganz im Gegenteil: „Wir fertigen auftragsbezogen zahlreiche Varianten“, so Prokurist Ralf Lang. „Jedes Stück richtet sich nach den individuellen Kundenwünschen und dem jeweiligen Bedarf.“ Ein besonderer Service, der wachsenden Kundenanforderungen entspricht und die aktuell noch papierbasierte, manuell gesteuerte Produktion vor hohe Herausforderungen stellt. Kürzere Lieferzeiten sind gefragt, Eilaufträge bewirken kurzfristige Umplanungen und beeinflussen den Produktionsprozess. In diesem Fällen kann die Montage ihre Synchronisation verlieren und aufwändige Auftragswechsel, hohe Pufferbestände und Wartezeiten sind die Folge. Konsequenzen, die sich bis in den Versand durchziehen.



Hier, im Versand, arbeitet Christoph Broer seit sechzehn Jahren. Muss ein Möbelstück verladen werden, stellt er mit seinen Kolleginnen und Kollegen die einzelnen Packstücke zusammen – bis zu 30 verschiedene kommen da für eine Kommission bzw. einen Auftrag zusammen. „Das kann schon sehr zeitintensiv und aufwändig sein“, weiß Christoph Broer. Vor allem, weil die einzelnen Packstücke vor Umsetzung des Transferprojekts weder digital gekennzeichnet noch zentral erfasst worden sind. Wo stehen die einzelnen Packstücke? Wann ist die Kommission komplett? Und in welchen Lkw muss sie geladen werden? Fragen, auf die die Mitarbeiter aufgrund ihrer Erfahrung und umfassenden Kenntnisse der Produkte Antworten geben konnten und die Ladungen zusammenstellten. Doch war der Prozess oft unnötig langwierig und barg unnötige Fehlerquellen. „Genau hier setzt die digitale Unterstützung an, um die Mitarbeiter zu entlasten und Arbeitsabläufe zu vereinfachen“, erläutert Dr. Matthias Parlings von Digital in NRW den Fokus des Transferprojekts.

In einem ersten Schritt wurde also der Versandprozess digitalisiert: Ein drahtloses Netzwerk steht nun in Montage und Versand zur Verfügung, die Mitarbeiter sind mit Smartphones ausgestattet und eigens für den Versandprozess entwickelte Applikationen erfassen Packstück- und Lagerplatznummern der versandbereiten Möbelstücke. So ist den Mitarbeitern zu jedem Zeitpunkt bekannt, wo sich die Packstücke aktuell befinden. Sie können schnell auf jedes einzelne zugreifen und auf Änderungen flexibel reagieren.



Alle notwendigen Informationen sind über QR-Codes auf den Montageaufträgen angebracht. Werden die QR-Codes gescannt, sind die Daten sofort einzusehen: Ein großer Bildschirm ist direkt neben den Verladetoren angebracht. Auf ihm fasst eine Terminalansicht fortlaufend Programm, Auftragsnummer, Anzahl der Packstücke, Volumen, Status und Liefertermin aktuell und übersichtlich zusammen. „Auf diese Weise sind alle zusammengehörigen Auftragspositionen schnell und lückenlos zuzuordnen und zu verladen“, erklärt Arnd Ciprina, Projektleiter beim Transfergeber Fraunhofer IML. „Zudem findet eine automatische Priorisierung der Aufträge anhand der Liefertermine statt.“ Eine weitere Hilfe: Der Status verändert sich nur, wenn die Ladung wirklich komplett ist. „Die Freigabe zum Versand wird erst in dem Moment gegeben, wenn alle zugehörigen Teile vorliegen und versandfertig sind“, so Lang.  

Seit rund drei Monaten läuft das Transferprojekt mit Pilotcharakter bereits im Unternehmen – mit Erfolg. Die Abläufe funktionieren reibungslos. Und: „Das Feedback der Mitarbeiter ist durchweg positiv“, erklärt Ralf Lang. Auch die Zusammenarbeit mit Digital in NRW hat das mittelständische Unternehmen überzeugt. „Wir sind mit dem Projektverlauf sehr zufrieden“, so Ralf Lang. Eine weitere Etablierung der Maßnahmen in der Montage ist angedacht. „Wir möchten das Schritt für Schritt angehen. So wie es sich für einen Mittelständler gehört“, betont Ralf Lang mit einem Lächeln. „Uns ist es wichtig, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen und dabei auch unsere Mitarbeiter mitzunehmen.“ Bei der Umsetzung der Digitalisierungsmaßnahmen im Versand ist das bereits gelungen.

Über die Möbelwerke A.Decker
Das Familienunternehmen Decker produziert in Borgentreich/NRW hochwertige, individuelle Einrichtungen aus Massivholz. 1915 als Korbmacherbetrieb gegründet, liegen die Wurzeln des Unternehmens nach wie vor im Handwerk, bei natürlichen Materialien, einer nachhaltigen Orientierung, einer hohen Fertigungstiefe, einer fundierten Mitarbeiterausbildung und der Nähe zur Region. Als klimaneutraler Hersteller gemäß dem Klimapakt der Deutschen Gütegemeinschaft Möbel e.V. fertigt Decker seine Produkte für die Bereiche Wohnen, Speisen und Küche gemäß den hohen Anforderungen der Deutschen Gütegemeinschaft Möbel e.V. und nutzt ausschließlich Holz aus bestandsgepflegten - PEFC-zertifizierten - Wäldern.

Das Projekt
Kurze Lieferzeiten und eine steigende Varianz der Produkte sind Kundenanforderungen, die auch den deutschen produzierenden Mittelstand beeinflussen und fordern. Die Lösung ist ein Schritt Richtung Industrie 4.0: Eine systematische Digitalisierung der manuellen Produktion und Montage zur Schaffung einer durchgängigen Visibilität macht die Produktionsprozesse effizienter und leistungsstärker. Mit einem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderten Transferprojekt im Rahmen des Kompetenzzentrums für den Mittelstand „Digital in NRW“ hat das Fraunhofer IML die Firma Decker bei der Umsetzung unterstützt. Die gezielte und auf die individuellen Anforderungen des Unternehmens und seiner Produktionsschritte zugeschnittene Konzeption, Umsetzung und Etablierung digitaler Maßnahmen bietet mehr Transparenz, Effizienz und Arbeitserleichterung im Herstellungsprozess. In einem ersten Schritt wurden die Mitarbeiter im Versand mit digitalen Maßnahmen unterstützt. In einem nächsten Schritt kann das Projekt auf Montage und Produktion ausgeweitet werden.